Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine 17-jährige Schülerin ist verzweifelt, sie ist ihres Lebens müde und wirft sich vor einen Zug. Eine ihrer Klassenkameradinnen nimmt den Vorgang mit ihrem Smartphone auf und bringt das Video unmittelbar danach ins Internet. Die Geschichte ist übrigens nicht von mir erfunden; sie hat sich vor einigen Jahren genauso zugetragen in der Stadt, in der ich zu dieser Zeit gelebt und unterrichtet habe.

Und nun stellen Sie sich vor, Sie sind die Mutter oder der Vater des in den Tod geflüchteten Mädchens. Und Sie fragen sich: Wer soll beim Begräbnis die Trauerrede halten? Die Video-begeisterte Klassenkameradin sicher nicht. Aber wer denn? Ein Pfarrer? Eine professioneller Trauerrednerin? Der Klassenlehrer, die Klassensprecherin, die Schulleiterin? Oder wäre es besser, ganz auf eine Trauerrede zu verzichten?

Denken Sie sich bitte hinein in diese fiktive Fortsetzung der wahren Geschichte. Nächste Szene. Ein Freund kommt zu Besuch und sagt: „Trauerrede? Nehmt einen Roboter. So was gibt’s schon, das ist keine Utopie mehr ...“

So viel sei verraten, in letzter Zeit habe ich fünf Beerdigungen innerhalb von sieben Monaten erlebt; einer der Verstorbenen war mein bester Freund. Die Worte, die dabei gesprochen wurden, waren oft nichtssagend oder sogar peinlich – kein Trost für die Trauernden, kein Mitgefühl, keine Spiritualität.

Was aber hilft einem Menschen, der in großer Not ist – einer verzweifelten 17-Jährigen oder deren verzweifelten Eltern? Damit sind wir beim Thema:

Philosophie als Pflichtfach an weiterführenden Schulen – ja oder nein?

Patrick Bahners berichtet auf TWITTER von einem 18-jähriger Schüler, der in seinem FAZ-Artikel „Philosophieverdrossenheit“ – mit Blick auf die zahlreichen Informatik- und Technik-Projekte an den Schulen – die Frage stellt: Wo bleibt die Philosophie?

Eine 17-Jährige stimmt ihm kurz darauf – ebenfalls in einem FAZ-Beitrag – zu:

Was ich so bestürzend (...) finde (...), ist die Tatsache, dass wir auf die Philosophie und ihre Fragen-und-Antworten-Kultur doch gar nicht verzichten können. Was nützt eine neue Erfindung, wenn sie ethisch nicht vertretbar ist?

Weiter heißt es:

Man sollte Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften nicht als Widersacher betrachten. Auf ihr Zusammenspiel kommt es an.

Wow. Noch ist nicht alles verloren, denke ich – solange es junge Menschen mit so viel Lebensklugheit und Engagement gibt. Zu befürchten ist jedoch, dass sich auf lange Sicht die gefühllosen Pragmatiker, die Flachdenker und Egomanen durchsetzen werden ... bis irgendwann WIR die Roboter sind und künstliche Intelligenz die Steuerung von Verzweiflung, Trauer und Mitgefühl übernommen hat.

Meinen Antwort-Tweet zum Beitrag von Patrick Bahners findet man auf meinem Twitter-Account.